Neun Stunden-Flug

Neun-Stunden-Flug über insgesamt 806 Kilometer

Jürgen Denk gelang mit Segelflugzeug von Altfeld aus ein persönlicher Streckenrekord

Aufwind für Altfelder Segelflieger: Jürgen Denk gelang ein persönlicher Streckenrekord.

Er sah den Schwarzwald, die Schwäbische Alb und die Wasserkuppe von oben.

Sah den Schwarzwald, die Alb und die Wasserkuppe an einem Tag aus der Vogelperspektive.

Segelflieger Jürgen Denk. Foto: Günter Reinwarth

Aufwind für die Altfelder Segelflieger: Jürgen Denk gelang ein persönlicher Streckenrekord mit einem 806-Kilometer-Dreieck. Der 61-Jährige sah den Schwarzwald, die Schwäbische Alb und dieWasserkuppe aus der Vogelperspektive.

Vereinsvorsitzender Denk, ein alter „Cockpit-Hase“ unter den motorlosen Luftkutschern – als 17-Jähriger stieg er im unterfränkischen Ebern erstmals hinter den Steuerknüppel – war mit dem neuesten Vereinsflugzeug unterwegs.

Hier sein Flugbericht: „Nachdem ich mit der Schleppmaschine in Altfeld 800 Meter über Grund erreicht hatte, erwischte ich sofort nutzbare Aufwinde, die mich mit einer Steigrate von zwei bis drei Sekunden-Metern bis auf 1400 Meter trugen. Die vor mir liegende Wolkenoptik versprach eine aussichtsvolle Wetterlage.

So konnte ich den weißen Vogel mit einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometer sorgenlos in Richtung Kraichgau schweben lassen. Als ich den Neckar passiert hatte, bekam mein  Optimismus erst mal einen Dämpfer. Um Sinsheim herum war die Wolkenuntergrenze beängstigend tief abgesunken – und zwar so tief, dass ich mit gedrosselter Geschwindigkeit bei nur geringem Steigen vorsichtig weiter fliegen konnte.

Sollte ich meine 120 Liter Wasser, die ich zum schnelleren Fliegen in die Tragflächen mitgenommen hatte, jetzt schon ablassen? Erst mal nein lautete mein Entschluss, obwohl ich den Kraichgau wieder einmal als, Kriechgau‘ erlebt hatte. Die Steigwerte besserten sich zum Glück: Pforzheim, Freudenstadt, Triberg im Hochschwarzwald waren die nächsten Navigationspunkte bis zum Feldberg, der sich um 13.30 Uhr unter meine Tragflächen schob.

Etwa 300 Meter über dieser Erhebung drehte ich die Nase meiner „fliegenden Orchidee“, eine Maschine vom Typ ASW 28 mit 18 Metern Spannweite, in Richtung Nord-Ost um –soweit es halt möglich war. Ich erreichte die weiter im Osten gelegene Schwäbische Alb und konnte auf meinem weiteren Kurs die Sprungschanzen von Hinterzarten, Titisee-Neustadt sowie die Städte Donaueschingen und Tübingen unter meinen Tragflächen sehen.

An der Albkante bei Farrenberg ging es eine Zeitlang weder rauf noch runter. Zum Glück stach bald wieder die Sonne durch die dichter gewordene Wolkendecke, ich konnte mit Geschwindigkeiten bis zu 200 Stundenkilometern Donauwörth erreichen und von hier aus auf Heimatkurs bis in die Vorrhön schweben.

Nachdem die Wolken über der Wasserkuppe nicht besonders brauchbar aussahen, steuerte ich kurzerhand die Ausläufer des Vogelsberges an. Weil mir der Luftraum um Frankfurt meine Flughöhe einschränkte, wendete ich kurzerhand hinter Bad Orb – mit neuem Kurs Richtung Altfeld, wohl wissend, dass mir der Spessart keine Möglichkeit zu einer Außenlandung bot. Nach einer Flugzeit von neun Stunden und zehn Minuten berührte der weiße Vogel sanft die Asphaltbahn im Vorspessart. Ich durfte in mein Flugbuch ein 806-Kilometer-Dreieck eintragen.“

 

Ein perfekter Tag für Segelflieger

Piloten-Quartett legte vom Altfelder Flugplatz aus insgesamt 2700 Kilometer zurück

 
Foto: Günther Reinwarth
Per Flugzeugschlepp wurden die Segler in Altfeld auf die Reise geschickt.
 „Soweit die Flügel tragen“ könnte man in Abwandlung eines bekannten Film- und Buchtitels sagen, wenn Segelflieger auf die Reise gehen. Als Ergänzung ließe sich hinzufügen: Wenn der Aufwind kräftig unter die Flächen bläst und so lange auch der Wettergott den Piloten gut gesinnt ist, kommt das motorlose Schweben einem Pilotentraum ziemlich nahe. Pilotenträume gingen am Samstag für vier Altfelder Segelflieger in Erfüllung, als ihnen das Wetter ein Vergnügen bot, wie dies nicht alle Tage möglich ist.

Wieder festen Boden unter den Füßen, konnten die „modernen Erben Lilienthals“ nach ihrem etwas anderen „Aus-Flug“ ihr Pilotenglück kaum fassen. Sie hatten gemeinsam stattliche 2700 Kilometer zwischen Himmel und Erde zurückgelegt. „Wir erwischten den besten Flugtag in diesen Frühlingswochen“, bilanzierten die Piloten Jürgen Denk (608 km), Günter Rincker (610), Hermann Gold (720) und Michael Bauer (513), als sie ihren vereinsinternen Flugrekord geschafft hatten.

In Erwartung der prognostizieren Wetterbedingungen übernachteten einige der Piloten vom Freitag auf Samstag schon auf dem Flugplatz, um in den frostigen Morgenstunden ihre Flugzeuge mit Wasserballast zu „beschweren“, warme Kleidung und Verpflegung im Cockpit zu verstauen sowie die Datenaufzeichnungsgeräte zu programmieren.

Für den Laien sei erwähnt, dass Segelflieger nach Ablassen der bis zu 300 Liter umfassenden „Wasserfracht“ schwache Aufwinde besser nutzen und damit einen besseren Gleitwinkel erreichen können, der sie weiter als normal schweben lässt. Der aktuelle Wetterbericht bestärkte dann im gemeinsamen Vorhaben, das da lautete: im Verbandsflug den höchsten Berg des Thüringer Waldes (Inselberg) und den Flugplatz Weiden in der Oberpfalz zu umrunden und die Rückkehr nach Altfeld zu schaffen.

Zunächst lief das Unternehmen „Zwischen Himmel und Erde sind wir gemeinsam stark“ nicht ganz nach Wunsch. Der Grund: Starker Nordostwind machte das Fortkommen in Richtung Thüringen anfangs schwerer als gedacht. Aber: Thermische Aufwinde mit Steigwerten bis fünf Sekundenmetern bliesen den Piloten so kräftig unter die Flächen, dass respektable Höhengewinne erzielt werden konnten. Langsam ging es dann an Hammelburg vorbei, die Wasserkuppe, der Segelflieger-Berg der Deutschen, blieb links liegen, der Thüringer Wald kam in der glasklaren Luft bald in weiter Ferne in Sicht. Die gefürchtete Leewirkung des Thüringer Waldes bereitete weniger Schwierigkeiten als erwartet.

Das Tiefdruckgebiet im Nordosten Europas verlangte den Piloten aufgrund der etwas schwächeren Thermik für den Weiterflug über den Gipfeln des Thüringer Waldes viel Können am Steuerknüppel ab. Im Raum Suhl und später auch über der Region Kronach sorgten wieder Steigwerte nach Maß, die später noch durch eine ordentliche Rückenwind-Komponente ergänzt wurden, für einen problemlosen Rückflug in das zweihundert Kilometer entfernte Altfeld. Der Fahrtmesser zeigte dank dieser Entwicklung Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern über Grund an.

Das Streckenwetter verhieß schließlich so gute Bedingungen, dass eine Dreier-Mannschaft weiter bis Heidelberg schweben wollte. Der Plan musste schließlich, weil das Wetter abbaute, über dem Neckar für eine sichere Rückkehr nach Altfeld aufgegeben werden.

Während die vier Piloten in Richtung Thüringen unterwegs waren, konnten auch „zu Hause“ herrliche Thermikflüge absolviert werden. Fluglehrer Horst Ostrowski „spulte“ mit seinem Schüler Nicolas Hecker stattliche 14o Kilometer ab; Jürgen Väth legte, allein unterwegs, im Cockpit die gleiche Strecke zurück.

arth